6. SONNTAG IM JAHRESKREIS

 

Evangelium nach Matthäus (5,17.20-24.27-28.33-34)

 

„Ich bin ein guter Christ: Ich halte mich an die 10 Gebote.“ Das hört man oft. Aber stimmt das? Abgesehen davon, dass Menschen, die sich auf die 10 Gebote berufen, meistens nur meinen: „Ich morde, stehle, lüge nicht...“ und andere Gebote, wie „Gott über alles lieben, den Tag des Herrn ehren, heiligen...“ nicht berücksichtigen und einfach ausblenden. Nicht töten, stehlen, lügen, sind Prinzipien die zum moralischen Bewusstsein aller Völker gehören. Sie gehören zu den Menschenrechten und dafür braucht man keinen Glauben, keine Religion. Deswegen ist man noch kein Christ.

Jesus will deutlich machen, dass es um mehr geht. „Eure Gerechtigkeit soll weit größer sein als die der Schriftgelehrten und Pharisäer“, sagt er. Aber sie waren doch sehr fromme, religiöse Menschen! Sie hielten sich peinlich genau an die vielen Gebote und Vorschriften! Ist das zu wenig? „Gerecht“ sein heißt in der Bibel: Den Willen Gottes erfüllen, im Sinne Gottes leben. Diese Menschen hielten sich ziemlich genau an die Gesetze und Vorschriften ihrer Religion und betrachteten sich selbst deswegen als „gerecht“. Und da kommt Jesus und verlangt, dass unsere „Gerechtigkeit“ noch viel größer sein soll als ihre. Wie geht das?

Jesus wirft ihnen vor, dass sie sich nur an die Buchstaben des Gesetzes halten und nicht an den Sinn, an das, was diese Gebote eigentlich meinen. Ich kann mich rein äußerlich an alle Gebote und Gesetze halten: Ich halte meine „Sonntagspflicht“, ich spende für gute Werke, ich beteilige mich aktiv am Pfarrleben. Aber wie lebe ich wirklich? Wie schaut es da in meinem Herzen aus? Wie bin ich wirklich im Umgang mit meinen Mitmenschen? Geht es nur um meine gut aussehende Fassade? Oder steckt mehr dahinter?

Ich habe einmal irgendwo gelesen: „Gesetze und Gebote sind die minimale Forderung der Liebe.“ Mich an sie halten, ist das Wenigste, das ich tun kann um ein guter Mensch und ein Christ zu sein. Wenn wir uns nicht einmal an diese Gebote halten, ist ein Zusammenleben überhaupt schwierig, sogar unmöglich. Aber wenn ich wirklich als Christ leben will, geht es um mehr. Augustinus hat es auf den Punkt gebracht: „Liebe, und tue dann, was du willst.“ D.h.: Alles was ich sage und unternehme, soll mit Liebe geschehen. Erst dann erfülle ich den Willen Gottes. Eine hohe Forderung! Es geht immer auch um unsere innere Einstellung, um unser Herz. Jesus illustriert das mit einigen Beispielen.

„Du sollst nicht töten.“ Viele denken: Ich bringe ja keinen um. Doch Jesus sagt klar und deutlich, dass ich das Leben eines Menschen schon zerstören kann, wenn ich ihn beschimpfe oder beleidige, ihn mobbe, ihn in seiner Würde herabsetze, so dass er sich selbst nur noch als minderwertig vorkommt. Solches Verhalten ist in den Augen von Jesus schon eine Art „Mord“, ohne ihn physisch umzubringen.

„Du sollst nicht die Ehe brechen.“ Man kann die eigene Ehe brechen und in die Ehe eines/einer anderen „einbrechen“. Diese Tat wird aber schon längst vorbereitet im Kopf und im Herzen. Jesus sagt: Ein Ehebruch beginnt schon mit einem besitzergreifenden Blick, mit erotischer und sexueller Phantasie, bevor überhaupt nach außen eine Tat erfolgt ist.

In den Augen Gottes bin ich gerecht, wenn nicht nur meine äußeren Worte und Taten, sondern auch meine innere Einstellung mit den Geboten übereinstimmen. Gebote als „Minimalforderung“ der Liebe.

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